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Ich hab´von dem fahrenden Zug geträumt …
Die Lebensreise des Komponisten Ernst Krenek oder
„The One-Man History of Twentieth-Century Music“

Mitreißen, das tut er: Ernst Krenek, der große Komponist, dessen Werke, will man sie in ihrer kraftvollen Fülle und phantastischen Vielfältigkeit überblicken, einem den Atem nehmen können.

Mitreißen, das tut er: Ernst Krenek, der nicht minder fruchtbare Literat, der sich die Texte seiner Liederzyklen oft selber schrieb, der aber auch Buchrezensionen und essayistische Reisebeschreibungen verfasste; Ernst Krenek, der Denker, der ein ebenso brillanter wie gefragter Gesprächspartner war: von Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Karl Kraus, Oskar Kokoschka, Anton Webern oder Igor Strawinsky.

Mitreisen, das dürfen wir: im neuen Ernst Krenek Forum. Indem wir von Station zu Station gehen, begleiten wir den Akteur auf seinem bald schweren, bald leichten, immer aber spannenden Weg durch das 20. Jahrhundert, von den Anfängen in Wien über Berlin, die Schweiz und Kassel bis in die kalifornische Wahlheimat. Oder anders gesagt: von der Habsburger Kaiserzeit über die Weimarer und Erste Republik bis zum Nationalsozialismus beziehungsweise Ständestaat, vom Zweiten Weltkrieg über die McCarthy-Ära und die Zeit des Vietnam-Kriegs wie der Studentenunruhen bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Welch ein Bogen! Krenek durchlebte ihn überdies nicht als passiver Mitläufer, sondern als jemand, der die Musikgeschichte aktiv gestaltete und die politischen Entwicklungen mit hellwachem Blick registrierte.

Mitreisen, das dürfen wir: indem wir im Ernst Krenek Forum die wundersamen Metamorphosen des Komponisten erhören. Spätromantisches Melos, atonal verschrägte Akkorde, Jazzhaftes, Operettenseligkeit, kühn Konstruiertes, vergeistigte Mehrstimmigkeit, Theatralisches, Lyrisches, Gigantisches, Miniaturhaftes, Experimentelles, Kantiges, Rundes, futuristische Elektronik, eindringliche Rhetorik und Spiellaune – all das finden wir in Kreneks Werk, all das reicht indes nicht aus, um es auch nur annähernd zu beschreiben. Über Lautsprecher ertönen Hörbeispiele, die wie akustische Sternschnuppen aufleuchten, um alsbald wieder zu verglühen.

Mitreisen, das wollte auch er: der kleine Ernst, um ferne Länder und Menschen kennen zu lernen, um möglichst überall dabei zu sein. Aber als der Junge seine Spielzeugeisenbahn durch die elterliche Wohnung schob oder mit seinem Vater den nahe gelegenen Franz-Josephs-Bahnhof besuchte, konnte er nicht ahnen, dass sein Tun auf sein künftiges Schaffen verwies: auf die Metapher des Bahnreisens, die er in seinen Werken immer wieder aufgriff: sei es in seinem Opern-Welterfolg Jonny spielt auf, in der Ballade von den Eisenbahnen oder in den 1931 vollendeten Karl-Kraus-Liedern (Durch die Nacht), denen auch jene Zeile entstammt, die der Ausstellung ihren Namen gab: „Ich hab’ von dem fahrenden Zuge geträumt …“.

In diesem Sinn möchte ich allen Besuchern des Ernst Krenek Forums „Gute Reise“ und „angenehmen Aufenthalt“ wünschen!

Matthias Henke, Kurator der Ausstellung