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13.12.2017 11:49 Alter: 361 days

Ernst Krenek und die elektronische Musik

Von „Atomen des Hörbaren“ und Synthesizern

Als Ernst Krenek Mitte der 1950er Jahre im Umfeld der Darmstädter Ferienkurse das Medium elektronische Musik für sich entdeckte, war dieses – trotz vieler bis ins 19. Jahrhundert zurückreichender Vorentwicklungen – ein sehr junges, noch weit offenes Feld. Krenek erkundete dieses Feld in seiner charakteristischen Neugier, Aufgeschlossenheit und analytischen Akribie. Sinustöne beschrieb er in einem seiner ersten Artikel über elektronische Klänge als „Atome des Hörbaren“, und erkannte in der elektronischen Klangerzeugung durch Synthesizer die nun vorhandene Möglichkeit, diese Atome untereinander „neue Verbindungen eingehen zu lassen, die in der bisherigen, von der materiellen Beschaffenheit schwingender Körper abhängigen Klangwelten nicht vorfindlich sind.“ (Was ist und wie entsteht elektronische Musik, 1956)
Die überlieferten Skizzen zu seiner ersten Komposition für elektronische Musik (Pfingstoratorium Spiritus Intelligentiae Sanctus, op. 152) zeigen deutlich, wie umfassend sich Krenek das neue Medium erarbeiten und aneignen wollte: Rund 200 Seiten mit mathematischen Formeln, Skizzen von Kurven, schematische Darstellungen von Synthesizer-Einstellungen, die er für sein Werk anfertigte, stehen neben einer Handvoll von Seiten mit konventionell notierter Musik. Dieses in diesen Skizzen dokumentierte Bedürfnis nach handwerklicher Kontrolle über das Medium mag aus heutiger Sicht ein wenig verwundern, aber Kreneks Selbstverständnis als Komponist war wohl zu sehr einer (von ihm selbst mehrfach beschriebenen) Dialektik von Kontrolle und Freiheit bestimmt, als dass er sich den Eigenheiten des technischen Equipments ausliefern wollte. In einer kritischen Betrachtung der jüngsten Trends der musikalischen Avantgarde von 1976 äußert er Bedenken, dass die Komponisten elektronischer Musik vergessen hätten zu komponieren: „Ihr Werk kommt über Materialkunde kaum hinaus und gleicht der Palette eines Malers, der voll Stolz auf die fabelhaften Farben hinweist, die er entdeckt hat. Man ist versucht zu sagen: ‘Schön und gut – aber jetzt malen Sie mir ein Bild.’“
Wie groß Kreneks Interesse an den Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung und dessen Einsatz in seinen Kompositionen war, wird durch den Kauf eines der ersten für den Heimgebrauch erhältlichen Synthesizer illustriert. Der in den Nachlassbeständen im Archiv des Ernst Krenek Instituts erhaltene Modular-Synthesizer von Donald Buchla dürfte nach jüngsten Erkenntnissen eines der ersten hergestellten Geräte dieses Modells gewesen sein. Die Geräte wurden nicht einmal mit einem Firmen-Etikett versehen und, wie sich aus dem ebenfalls erhaltenen Briefwechsel erkennen lässt, von Don Buchla persönlich ausgeliefert.
Derzeit befindet sich der Synthesizer aus Kreneks Nachlass als Leihgabe an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz und steht dort den Kompositionsstudentinnen und -studenten von Prof. Volkmar Klien zur Verfügung, um eigene Werke zu entwickeln. Hören kann man diese dann am 24.5.2018 im Ernst Krenek Forum, sowie am 25.5.2018 in der Alten Schmiede in Wien.